Zwischen Wissenschaftler:innen, die an der Entwicklung einer Technologie für die Covid-19-Kontaktrückverfolgung beteiligt sind, ist ein offener Streit entbrannt. Jetzt haben mehr als 280 Forscher:innen aus der ganzen Welt einen offenen Brief unterzeichnet, in dem sie sich gegen die technische Lösung aussprechen, die derzeit auch von der deutschen Bundesregierung favorisiert wird.
Kontaktverfolgung mit Hilfe von Apps könne grundsätzlich sinnvoll sein, heißt es in dem Brief. Mit ihrer Hilfe könnten gefährdete Personen schneller benachrichtigt werden könnten. Auch sei es grundsätzlich zu begrüßen, dafür Bluetooth-Technologie zu nutzen statt Standortdaten zu sammeln und zu speichern. Bluetooth Low Energy (BLE) misst lediglich die Nähe zweiter Geräte zueinander – und damit ihrer Besitzer:innen – und ist damit wesentlich schonender für die Privatsphäre als eine Sammlung der Standortdaten, aus der sich Bewegungsmuster erstellen lassen.
Im Kern geht es um die Frage, ob die verschlüsselten IDs der einzelnen App-Nutzer:innen zentral auf einem Server gespeichert werden sollen oder auf der jeweiligen Gerät verbleiben. Darüber wird derzeit unter Fachleuten heiß diskutiert. Das zentrale Verfahren, so die Kritik der Forscher:innen, berge das Risiko einer schleichenden Ausweitung der Zweckbestimmung. In einem solchen Modell würde die verschlüsselte Liste der Kontaktpersonen einer infizierten Nutzerin auf einen zentralen Server hochgeladen werden. Der Betreiber eines solchen Server könnte daraus rekonstruieren, welche anderen Personen man in den vergangenen Wochen getroffen hat. Social Graph nennt sich diese Information, das soziale Geflecht also, in dem sich eine Person bewegt.
Die Rekonstruktion dieses Geflechtes ermögliche eine Form der Überwachung, die das „Vertrauen in und die Akzeptanz solcher Applikation in der Gesellschaft katastrophal behindern“ könne, heißt es in dem Brief. „Es ist entscheidend, dass wir aus der aktuellen Krise heraus kein Werkzeug entwickeln, das eine Datensammlung der Bevölkerung in großem Ausmaß erlaubt.“ Autoritäre Staaten, Unternehmen oder Hacker:innen mit Zugriff auf diese Informationen könnten sonst Bürger:innen in ihrem Alltag ausspionieren. Wie genau dies möglich wäre, haben einige der Wissenschaftler:innen in einer ausführlichen Analyse beschrieben.
Im Zweifel immer die datensparsamere Lösung
Die Unterzeichner:innen plädieren deswegen dafür, eine dezentrale Architektur für die Nachverfolgung von Kontakten zu verwenden. In einem solchen Modell verbleibt die Liste der IDs von Kontaktpersonen auf dem jeweiligen Gerät, so könne niemand das Netz der Sozialkontakte daraus ableiten. Die Forscher:innen verweisen auf die Rolle von Apple und Google. Die beiden Konzerne haben angekündigt, erstmals in ihrer Geschichte zusammenzuarbeiten, um eine gemeinsame Infrastruktur für den Einsatz von Bluetooth auf ihren Geräten zur Verfügung zu stellen. Dabei setzen sie ebenfalls auf eine dezentrale Architektur. „Wir begrüßen diese Initiative“, schreiben die Forscherinnen.
Sie äußern auch konkrete Forderungen an jene, die solche Apps in Zukunft entwickeln und einsetzen: So solle das System zu nichts anderem eingesetzt werden als die Eindämmung der Covid-19-Pandemie und keine Informationen speichern, außer die dafür unmittelbar notwendigen. Wenn mehrere Optionen für eine technische Lösung zur Verfügung stehen, müsse immer diejenige gewählt werden, die die Privatsphäre bestmöglich schützt.
Brief als direkte Kritik an PEPP-PT
An keiner Stelle nennen die Verfasser:innen direkt das Projekt PEPP-PT. Das Kürzel steht für Pan European Privacy-Protecting Proximity Tracing und es handelt sich dabei um einen technischen Standard zur Kontaktverfolgung mit Hilfe von Bluetooth, der derzeit unter anderem am Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut entwickelt wird. Mehrere Passagen lesen sich jedoch wie eine direkte Kritik des Vorgehens der Macher:innen von PEPP-PT. Das verwundert nicht: Einige der Unterzeichner:innen waren bis vor Kurzem selbst noch Teil von PEPP-PT und haben die Gruppe nun öffentlichkeitswirksam verlassen.
So fordern die Unterzeichner:innen, solche Technologie müssten transparent entwickelt werden, alle technologischen Grundlagen wie Protokolle und der verwendete Code sollten öffentlich und damit nachprüfbar gemacht werden. PEPP-PT hat dagegen lange Zeit hinter verschlossenen Türen an seiner Technologie gearbeitet. Erst vergangenen Samstag hat das Konsortium, an dem mehrere Forschungseinrichtungen und Unternehmen beteiligt sind, eine Dokumentation und damit eine Diskussionsgrundlage für das veröffentlicht, was eigentlich geplant ist. Während die Macher:innen des dezentralen Ansatzes ihren gesamten Code und alle Grundlagen im Netz zur Diskussion stellen, werden Vorschläge und Hinweise zum Code von PEPP-PT derzeit nicht entgegengenommen. Mitarbeiten dürfen nur Wissenschaftler:innen aus dem Kernteam.
Auch erwähnt der Brief, dass einige Entwickler:innen derzeit Druck auf Google und Apple ausüben wollen, ihre Schnittstellen so anzupassen, so dass auch eine zentrale Architektur für die Kontaktverfolgung funktionieren würde – aus Sicht des Datenschutzes ein Minuspunkt. Chris Boos, Gründer der Unternehmens Arago und in Deutschland treibende Kraft hinter PEPP-PT, hatte bei einer Pressekonferenz vergangenen Freitag angekündigt, genau das tun zu wollen.
Unter den Unterzeichner:innen sind auch mehr als 50 Forscher:innen aus Deutschland, etwa vom Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit CISPA oder der Technischen Universität München. Beide Einrichtungen waren ursprünglich selbst im losen Konsortium von PEPP-PT dabei. CISPA verließ vergangenen Freitag das Projekt nachdem klar wurde, dass PEPP-PT vor allem eine zentrale Architektur befürworten würde, ebenso die Schweizer Forscher:innen der EPFL Lausanne und der ETH Zürich und der belgischen KU Leuven, die nun ebenfalls den Brief unterzeichnen.
